Inkens Welt

ehem. USA-Tagebuch
Home » Die spinnen, die Amis! » Achtung Baustelle! oder: Wie schafft man Vollbeschäftigung?

Achtung Baustelle! oder: Wie schafft man Vollbeschäftigung?

Januar 19th, 2008 Posted in Die spinnen, die Amis!

utility-work-ahead.gif

In meinem Bewegungsradius durch einen bösartigen und mehr als unappetitlichen Virus ans Haus gefesselt durfte ich heute Zeugin einer amerikanischen Eigenschaft werden, die mir in vielen Situationen bereits aufgefallen ist, aber noch nie in dem Ausmaß, das mich diesen Beitrag schreiben läßt. Es handelt sich um die Einstellung „nicht meine Sache, Ma´am!“.

Heute gegen acht Uhr morgens fuhren ein Polizeiwagen, vier LKW und ein Kran in unserer Straße vor. Lautes Türenknallen ließ vermuten, daß jemand ausstieg. Die weiterlaufenden Motoren verhießen anderes. Ein Blick aus dem Fenster bewies jedoch, daß die LKW-Fahrer ihre Fahrzeuge verlassen hatten. Aber dazu später mehr.

Eine Stunde später, die Motoren liefen immer noch, hörte man einen Preßlufthammer. Aha, dachte ich, Roadwork. Warum gerade in der Lexington Road, die mit den besten Belag in West Hartford hat, ganz im Gegensatz zu anderen Straßen, die für die Stoßdämpfer unserer Autos viele böse Überraschungen bereithalten, machte mich nun doch neugierig.

Da ich sowieso den letzte Nacht gefallenen und inzwischen in Matsch verwandelten Schnee schippen mußte, um eine Überschwemmung im Keller und eine Eisbahn in der Garagenzufahrt zu verhindern, ging ich raus und arbeitete mich Matsch schippend Stück für Stück an die Baustelle ran.

Der Anblick, der sich mir bot, spottete jeder Beschreibung. Viele von Euch haben per mail schon mal das Bild zugeschickt bekommen, auf dem viele Leute um ein Loch im Boden herum stehen und einem armen, schwitzenden Kerl dabei zusehen, wie er in diesem Loch steht und die Schaufel schwingt. Nun, dieses Stilleben wurde heute Wirklichkeit. Und es war nicht die West Hartforder Laienschauspieltruppe, die für die Frühjahrsaufführung lebende Bilder probte. Nein, das Wasserwerk war mit vier LKW und einem Kran vorgefahren und hatte Baustellenschilder und Plastikhütchen strategisch so auf der Straße verteilt, daß ein Slalom auf der Streif einer Fahrt durch die Lexington Road keine echte Konkurrenz mehr sein konnte.

Die Motoren liefen immer noch, während ein einzelner Arbeiter in einer Grube bis zu den Knien im Wasser stand und schwitzend wie ein Brunnenputzer Schaufel um Schaufel stinkender Brühe an die Oberfläche warf. Rund um das Loch standen fünf andere Arbeiter und ein Polizist. Der Schaufler war schwarz, die anderen weiß. Aber zur Rassenhierarchie in unserem Gastland werde ich mich noch mal getrennt äußern.

Da morgen Samstag ist und wir vorhaben auszuschlafen, wollte ich vor allem wissen, ob der Krach morgen zur selben Zeit wieder stattfinden wird. Also hab ich mir ein Herz gefaßt und einen der rumstehenden Wasserwerker gefragt, was sie denn da täten. Er meinte, der Kanal sei verstopft, in dem Haus hinter dem Loch stünde Wasser im Keller. Sie seien jetzt da, um dem Drama ein Ende zu setzen. Ich heuchelte ein wenig Mitleid mit den Bewohnern und äußerte die Hoffnung, daß das alles schnell gehen würde. Mein Plan ging auf, die Antwort war „jaaaaaaa, ich denke, bis Mittag sind wir hier fertig, Ma´am.“

Da man langsam aber sicher auch in diesem Land über seinen „carbon footprint“, also seinen persönlich verursachten CO2-Ausstoß nachzudenken anfängt, wagte ich die Bitte, ob man nicht vielleicht die Motoren der Wagen abstellen könne. Das wurde gleichzeitig von den fünf Wasserwerkern und dem Polizisten abschlägig beantwortet. Ich hab nicht alles verstanden, aber hier einige Auszüge:

„No, sorry, it is too cold today.“ Es hatte zu diesem Zeitpunkt fünf Grad plus, wie gesagt, Matsch, kein Schnee.

„This is none of your business, Ma´am!“ Das kam vom Polizisten…

„We never do that.“ Naja, man kann seine Angewohnheiten auch ändern.

„Are you from Europe?“ Ha!

Ich gab nicht auf, über mir wehte jetzt eine nur für mich sichtbare grüne Fahne! Ich erklärte den Herren, daß es unverantwortlich sei, mehrere Motoren stundenlang laufen zu lassen. Und da ich schon ahnte, daß Umweltbewußtsein nicht ziehen würde, bat ich sie, doch mal allein an die Kosten für den Steuerzahler zu denken. Und da beim Thema Geld auch das trägste amerikanische Gehirn aus dem Standbymodus aufwacht, hatte ich Erfolg. Unter Brummen, ich hörte und ignorierte tapfer das Wort „bitch“, wurden die Motoren abgestellt.

Nach der Schneematschschlacht habe ich mich der Hausarbeit gewidmet. Dieses edle Vorhaben wurde aber jäh unterbunden, da kein Wasser aus der Leitung kam, dafür aber ganz furchtbar gruselige Geräusche ähnlich denen, die ich selbst in den letzten Tagen von mir gegeben hatte. (Naja, Ihr sollt doch so viel wie möglich von meinem Leben hier mitkriegen… In guten wie in schlechten Zeiten!).

Ich also wieder raus zu den armen frierenden Männern. Schon von weitem konnte ich sehen, wie sie die Augen verdrehten. „Die schon wieder!“ war wohl noch das Freundlichste, was sie dachten. Ich habe so höflich wie möglich gefragt, wie lange denn das Wasser abgedreht bliebe.

Und da war er wieder, dieser Blick, der mich schon so oft traf, diese Mischung aus absolutem Unverständnis, plötzlicher Erkenntnis, es hier mit der Spezies „wichtigtuerischer Europäer“ zu tun zu haben und absoluter Gelangweiltheit (gibt es dieses Wort? Nein? Tja, jetzt gibt es es.) Diesen Blick kenne ich von der Supermarkteinpackerin, die meine Stofftaschen und Körbe verwenden soll statt der Plastiktüten, vom Tankstellenkassierer, der mir erklären soll, warum er beim Kauf einer Schachtel Zigaretten meinen Führerschein nicht sehen muß, beim Kauf einer Stange aber schon, vom Müllmann, der nicht versteht, warum er die Mülltonne hinstellen soll, wenn er sie doch auch einfach fallen lassen kann, und leider auch von meinen Nachbarn, die gerne mal gegen Mitternacht lautstark die Mülltonnen an ihren Platz schleppen. Dieser Blick bedeutet nicht nur, daß sie nicht verstehen, wo das Problem liegt. Nein, er sagt noch viel mehr: ES IST IHNEN EINFACH SCHNURZPIEPEGAL!!!

Ich will wirklich nicht behaupten, daß sich hier niemand Gedanken á la „Wieso, Weshalb, Warum“ macht. Aber sobald man es mit Angestellten zu tun hat, die nicht das Privileg einer guten Ausbildung hatten, muß man sich offenbar auf totale Ignoranz einstellen. Nachfragen hat entweder unverschämte Antworten oder völliges Unverständnis zur Folge. Meine Erklärung dafür ist, daß viele schlecht bezahlte Leute eben einfach ihren Job erledigen, mehr oder weniger gut, aber nie auf die Idee kommen würden, ihn zu hinterfragen.

Warum fünf Männer einem anderen in Begleitung eines Polizisten beim Schaufeln zusehen müssen, wird mir also für immer ein Rätsel bleiben.

PS: das Wasser läuft inzwischen wieder…

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.