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Immer höflich bleiben! Vorsicht! SEHR subjektiv!

Dezember 10th, 2007 Posted in Die spinnen, die Amis!

Heute würde ich gerne einige Worte zum Thema Höflichkeit verlieren, aber selbstverständlich nur, falls es niemanden stört, es gerade konveniert und niemand es als Angriff mißversteht. Ich möchte damit auf gar keinen Fall etwas von Eurer wertvollen Zeit stehlen und bin im Grunde sowieso unwürdig, Eure geneigte Aufmerksamkeit zu fordern. Solltet Ihr also entscheiden, diesen Beitrag zu ignorieren, oder Ihr die Lektüre nach einiger Zeit abbrechen, ist es selbstverständlich meiner Unfähigkeit, interessante Themen zu finden zuzuschreiben, wofür ich demütig die volle Verantwortung übernehme, und ich entschuldige mich bereits im voraus für alle psychologischen und/oder terminlichen Schwierigkeiten, in die ich Euch mit meinen unwesentlichen Ergüssen bringe.

Oder, um es österreichisch-deutsch auszudrücken: manchmal ist diese scheiß aufgesetzte politeness hier echt zum Kotzen! Und mir ist es auch völlig egal, ob das irgendjemand anders sieht!

Wie einige von Euch wissen, mache ich gerade bei Berlitz eine Sprachlehrer-Ausbildung. Die ist insgesamt sehr gut, beantwortet viele Fragen (manche auch nicht…), wir üben viel und werden konstruktiv kritisiert. Naja, bei den Preisen, die die Schüler für die Kurse bezahlen, ist es ja auch angebracht, daß sie nicht von stotternden Vollidioten unterrichtet werden, nicht wahr?

In diesem Kurs sitzen eine Deutsche, die seit ihrem 8. Lebensjahr in den USA lebt, eine Inderin, die inzwischen die green card hat, also wohl bleiben wird, eine Amerikanerin, ein Amerikaner italienischen und ein Amerikaner portugiesischen Ursprungs.

Wir quatschen natürlich in den Pausen viel darüber, welche Unterschiede zwischen unseren Kulturen bestehen, und zwei Themen kristallisieren sich dabei nach und nach als zentral heraus. Essen und Höflichkeit.

Übers Essen rede ich heute mal nicht, das tu´ ich lieber, zumal Gustl gerade seine unschlagbaren Thunfisch-Spaghetti zaubert… Also bleibt das Thema Höflichkeit.

Als wir nach Amerika gingen, hat man uns vieles erzählt. Eine Sache kam immer wieder auf´s Tapet. „Die sind alle höflich. Aber sie meinen es eigentlich gar nicht so.“ oder „Ständig wirst Du dort gefragt `how are you?´, aber sie wollen es eigentlich gar nicht wissen.“ Ja, das stimmt, sie wollen es nicht wissen. Die Phrase „How are you?“ hat einen einzigen Zweck, Begrüßung. Also denkt nicht mal im Traum daran, zu antworten „ooooch, ganz gut, aber irgendwie hab´ ich heute Kopfweh“. Sie werden Euch anschauen als hättet Ihr sie gerade auf die Kirchweih geladen und so schnell wie möglich das Thema wechseln. Das versteh´ ich auch. Stellt Euch vor, Ihr begrüßt einen Ami mit „Grüß Gott“ und er antwortet, er würde Euren Wunsch ja gerne erfüllen, aber er sei sich der Güte seines Drahtes nach oben gar nicht so sicher… Also, „how are you?“ ist einfach eine Floskel, nicht mehr und nicht weniger. Sie ist von einer vielleicht irgendwann mal wörtlich gemeinten Bekundung menschlichen Interesses zu einer Prase degeneriert, die man irgendwann gar nicht mehr wahrnimmt. Also denkt nicht weiter darüber nach.

Zur Höflichkeit gibt es im Gegensatz dazu sehr viel zu denken und zu sagen. An guten Tagen neige ich dazu, den Amerikanern nur ein chronisches Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom zu unterstellen (med. Erklärung siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom). An schlechten Tagen hingegen bin ich felsenfest davon überzeugt, daß Darwin, wenn er Recht hatte, in den USA besonders Recht hatte. Warum dann ausgerechnet die Amis die Dreistigkeit besitzen, Darwin und seine Ideen und Theorien aus den Schulbüchern zu streichen, fällt wiederum unter das Kapitel Schizophrenie, aber das überlasse ich lieber den Therapeuten, von denen es hier ja genug gibt. „Survival of the fittest“ zeigt sich hier folgendermaßen. Erst mal kommen sie selbst, dann kommt laaaaang nichts. Und dann kommen das Auto, der Präsident, oder die Kinder. Dabei ist die Reihenfolge eher beliebig und subjektiv. Und deshalb die lange Vorrede über meine Sprachlehrerkollegen.

Einer der Amerikaner hat heute unserer Lehrer-Lehrerin Lilia eine Frage gestellt. Abgesehen davon, daß sie die Frage bereits fünf Minuten vorher mir beantwortet hatte, hat dieser Kerl doch tatsächlich die Chuzpe, mitten in Lilias Antwort aufzustehen mit den Worten „sorry, I need to pee.“ HALLO? Über dieses Verhalten entsetzt zeigten sich: 1 Inderin, 1 Österreicherin, 1 Deutsch-Amerikanerin. Lilia, ihrerseits Ukrainerin, meinte nur, sie würde ihn nicht darauf ansprechen, denn sie möchte nicht unhöflich sein. DOPPEL-HALLO!!!!????

Zurück in der Klasse stellt er wieder eine Frage, die übrigens während seiner Pinkelpause geklärt worden war. Lilia antwortet und muß dabei etwas ausholen. Nach zwei Minuten unterbricht er sie und sagt, er habe seine Frage vergessen, ob sie sie noch mal wiederholen könnte… Sorry, ich konnte mich nicht mehr beherrschen und hab´ ihn gefragt, ob das jetzt sein Ernst sei. Er meinte, ja, er sitze jetzt schließlich seit einigen Stunden (es waren ungefähr zwei…) hier drin und so lange könne er sich nicht konzentrieren, das müsse ich verstehen. Da ich nicht unhöflich sein wollte, bin ich meinerseits zur Toilette gegangen, um dort mein Spiegelbild zu beschimpfen…

Die Deutsch-Amerikanerin war süß. Sie meinte in der Mittagspause zu mir, sie sei froh gewesen, daß ich was gesagt habe. Sie hätte lange in den Südstaaten gelebt, wo die Menschen als besonders höflich gelten. Und sie habe seit ihrer Kindheit Zweifel daran, daß Höflichkeit in Abhängigkeit zur Länge der Sätze steigt. Sie würde ihrerseits Hilfsbereitschaft einem unechten Dauergrinsen vorziehen. Naja, sie stammt aus Berlin.

Generell bin ich ja nicht als einer der höflichsten Menschen verschrieen, das geb´ ich ja gerne zu. Und oft ist gezielter Einsatz von Unhöflichkeit für mich persönlich ein probates Mittel, um bestimmte Dinge oder Menschen von mir fern zu halten. Aber wenn es darum geht, daß ich sehe, daß jemand beim Autofahren die Spur wechseln will, oder eine Mutter mit einem kreischenden Kind hinter mir an der Supermarktkasse wartet, bin ich fast immer bereit, Platz zu machen. Und das ist für mich Höflichkeit. Älteren einen Sitzplatz zu überlassen. Müttern zu helfen, ihren Buggy die U-Bahn-Treppe runterzuschleppen, jemandem eine Tür aufzuhalten, der schwer schleppt. „Guten Morgen“ zu sagen zu den Kollegen, mich für guten Service zu bedanken, usw.

Jemanden nicht auf seine offensichtliche Unhöflichkeit anzusprechen, sich gefallen zu lassen, wenn man ständig unterbrochen wird (auch eine zutiefst amerikanische Eigenschaft!), nur um nicht unhöflich zu sein, ist für mich mit Dummheit und Zeitverschwendung gleichzusetzen und hat mit Höflichkeit absolut nichts zu tun.

Und wenn es denn wirklich mal darum geht, Höflichkeit einzufordern, zum Beispiel wenn man auf dem Highway in eine Spur einfädeln will, dann hocken sie alle mit Handy am Ohr und Hund oder Kind auf dem Schoß in ihren bescheuerten SUVs und üben sich in Ignoranz. Zu hupen ist übrigens unhöflich…

Eine dumme Angewohnheit von mir ist es, wenn ich Dinge unglaublich finde, „Jesus Christ!“ zu rufen. Natürlich ist mir klar, daß das nicht political correct ist. Man könnte damit sowohl Nicht-Christen als auch Christen direkt und mit Anlauf auf den Schlips treten. Also achte ich darauf, das nicht mehr zu tun, ist sowieso ein dummer Spruch. Ich kopiere inzwischen Claudia K.´s „Himmel!“. Das versteht keiner und es erleichtert auch ganz ungemein. Nun rutschte mir aber auf einer kulturell gemischten Feier dieses unselige „Jesus Christ!“ doch mal raus. Eine Einheimische meinte daraufhin hörbar flüsternd zu ihrem Mann „She shouldn´t say that, it could offend somebody.“ Ich persönlich hätte es netter gefunden, wenn sie mich darauf angesprochen hätte. Sie hätte ja sagen können „Hör mal, sei ein wenig vorsichtig mit solchen Sprüchen, Du könntest hier jemanden verletzen.“ Das wäre aufmerksam und hilfreich gewesen. Aber absichtlich so laut zu flüstern, daß jeder mitbekommt, daß ich einen kulturellen Fehler gemacht habe, DAS IST UNHÖFLICH!!!

Yeah, well, you know…. Ich hupe trotzdem. Und wenn man mich hier als das unhöflichste Legal Alien aller Zeiten in Erinnerung behält, so what?

Suck my toe!

oder, um es österreichisch-deutsch auszudrücken:

Ich bin im Grunde ein höflicher Mensch, man sollte mich nur besser nicht provozieren!

Ich danke für Ihre Aumerksamkeit!

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