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Rosen sind rot, Veilchen sind blau,…

Oktober 5th, 2007 Posted in Die spinnen, die Amis!

…ich bin schizophren, und ich bin es auch!

Wikipedia definiert Schizophrenie folgendermaßen:

Schizophrenie (von altgriechisch σχίζειν schizein „abspalten“ und φρήν phrēn „Zwerchfell, Seele“) ist als eine Diagnose für psychische Störungen des Denkens, der Wahrnehmung und der Affektivität gekennzeichnet, wobei verschiedene symptomatische Erscheinungsformen unterschieden werden. Die Schizophrenie ist eine der häufigsten Diagnosen im stationären Bereich der Psychiatrie.

Die USA sind demnach eine große psychiatrische Station, die Patienten beherbergt, die Störungen des Denkens, der Wahrnehmung und der Affektivität aufweisen, die jemand Fremdes nur ertragen kann, indem er sein Zwerchfell von seinem eigenen Denken abspaltet und dadurch eine nicht enden wollende Parade der Perversionen nur noch mit viel Humor und Gleichmut ertragen kann. Da das Zwerchfell ja nicht nur Sitz der Seele ist, sondern auch ein unverzichtbares Werkzeug, um Lachen zu produzieren, versuche ich, so oft wie möglich meinen Humor einzusetzen. Das gibt auch ein nettes Sixpack auf Dauer.

Wie ich darauf komme, daß hier was nicht stimmt? Naja, schon in Bayern kommt man sich als Zuagroaste manchmal vor wie im Kuriositätenkabinett. Erschossene Bären, Niederbayern, Transrapid, der Münchener Kessel, das Oktoberfest, Bayern München… Wer versteht das schon alles, wenn er nicht Münchener in mindestens dritter Generation ist? Aber die Amis schlagen die Bayern um Längen, zumal die Bayern ja auch nicht schizophren sind, sondern eher ein klein wenig größenwahnsinnig. Cool, das gibt ne Menge empörter Gästebucheinträge…

Viele Dinge, Verhaltensweisen und Bräuche rufen bei mir, und gottseidank auch anderen legal aliens, Unverständnis und Kopfschütteln hervor. Dazu gehören:

Der Vierjährige, der von seiner Kindergärtnerin wegen sexueller Belästigung verklagt wurde, weil er ihr, als sie ihn hochhob, angeblich in sexuell eindeutiger Absicht an den Busen gefaßt hat.

Der Umgang mit Sex, Nacktheit und allem was damit zusammenhängt hat insgesamt etwas recht Verkrampftes. Ich wurde tatsächlich von einer Nachbarin gefragt, welchen Sport ich denn mache, daß ich mir „in meinem Alter“ noch leisten könne, ohne BH zu gehen.

Am Strand wurde ich gefragt, aus welchem Teil Europas ich käme. Als ich fragte, wie sie darauf käme, daß ich aus Europa sei, meinte sie, das sähe man an dem knappen Bikini. Dazu muß man wissen, daß ich nicht etwa wirklich knappe Bikinis trage, sondern die Durchschnittsamerikanerin egal welcher Statur am liebsten in kurzen Hosen und T-Shirt am Strand liegt. Die Variante mit den knöchelhohen Boots hat wahrscheinlich eher mit der Angst vor Fußpilz zu tun, das kenne ich aber auch aus Deutschland… Kleine Jungs tragen wadenlange Badehosen und auch gerne mal sogar im Wasser ein T-Shirt. Kleine Mädchen tragen mindestens Bikini MIT Oberteil. Also ich reg mich definitiv nie wieder über Kopftücher oder Schleier auf!

Die Sauna besucht man hier im Badeanzug, aber trotzdem nicht gemischt. Meiner Meinung nach eine ausgesprochen unhygienische Angelegenheit, besonders beim anschließenden Duschen, so untenrum… Wenn man das nicht möchte, hat man sich in ein großes Handtuch zu wickeln. Es gibt auch extra Frottee-Wraps, die im Grunde nur zusammengenähte Frotteehandtücher sind, in die man ein Gummiband eingezogen hat, das man züchtig über den Busen schiebt, nach oben, nicht nach unten! Ab den Knien darf man dann wieder neckisch nackisch sein. Wenn man dann noch dran denkt, sich die Beine mindestens bis zum Knie zu rasieren, geht das grade noch. Die Dinger hab ich schon für 80 Dollar gesehen in bezaubernden Pastelltönen und aus 100% Polyester. Ich glaub, da schwitz ich lieber in der Oktobersonne im knappen Bikini am Strand.

Bis hierher ist dieses Verhalten sicher eigenartig, aber noch lange nicht schizophren. Das wird es erst, wenn man sich mal die Mühe gibt, die 700 Fernsehkanäle durchzuzappen, die man per Kabel bekommt. Nach letzter Zählung finden sich da ca. 30 Pornokanäle, die alles zeigen, was man sich vorstellen kann und vieles, was man sich gar nicht erst vorstellen mag.

Noch schräger wird die Lage, wenn man mitkriegt, daß es Menschen gibt, die NICHT WISSEN, daß Kinderpornographie verboten ist.

Spätestens ab neun Uhr abends läuft in jedem Werbeblock ein Spot für Viagra, in dem zur Melodie von „Viva Las Vegas“ ein reichlich angegrauter aber offensichtlich Viagra-gestärkter Mann eine blonde Mittdreißigerin über die Tanzfläche schiebt. Nach einem schelmischen Blick um sich verschwinden die beiden mit dummgeilem Grinsen im Lift. Viva Viagra!

Die mehrere Quadratmeter großen Werbetafeln am Highway für den neuesten Sexshop oder die nächste Tabledancebar stören mich zwar höchstens in ästhetischer Hinsicht, aber ich frag mich schon, ob die Amis deshalb so schlechte Autofahrer sind, weil sie ihren Kindern ständig die Augen zuhalten müssen.

Sexy gekleidet zu sein, ist in bestimmten Bevölkerungsschichten nicht üblich. In anderen schon, aber da hab ich noch nicht so ganz den Überblick. Ich hatte nur mal ein umwerfendes Erlebnis an einer Tankstelle Richtung New York, als drei aufgebrezelte Mädchen (vielleicht zwanzig…) in Highheels, hautengen Satinhosen in Gelb, Orange und Schwarz zu ihren Kerlen auf den Sozius der Mopeds stiegen und sich auf eine Weise an deren Rücken schmiegten, mein lieber Schwan. Und da waren dann die Poritzen mehr als sichtbar. Die Strings waren farblich abgestimmt, was ich sehr rücksichtsvoll finde!

Im Alltag wird Männern davon abgeraten, einer Kollegin ein Kompliment zu Ihrem outfit oder ihrer Frisur zu machen. Auch zu einer einzelnen Frau in den Lift zu steigen könnte gefährlich werden. Nicht etwa für die Frau, nein für den Mann, denn wenn er die Frau irgendwie schräg ansieht, könnte da ein Millionenprozeß draus werden.

Ich versteh das nicht. Ich dachte, damals in San Francisco hätte jeder mit jedem und jeder mit jeder? Liegt es daran, daß es einfach zu viele Anwälte gibt? Also nicht daß mir das wirklich fehlt, aber in den USA kann man als Frau an Bauarbeitern vorbeigehen, ohne auch nur den kleinsten Pfiff zu hören. Das ist doch irgendwie verkehrte Welt!

Im Endeffekt läuft alles darauf raus, daß man hier alles sein und werden kann, außer unanständig. Der „Pussy Wagon“ aus „Kill Bill“ wird per Computer in „Party Wagon“ umgetauft, der „Shit happens“-Aufkleber aus „Forrest Gump“ wird zum „It happens“-Aufkleber. Sogar der Mittelfinger wird einem nur sehr zögernd und nur halb hochgehoben gezeigt. Es ist mir deshalb bei jedem meiner zahlreichen Besuche in meiner Stammwerkstatt eine enorme Freude, den spontan errötenden Schrauber zu fragen „How´s my Pussy doing?“.

So, bevor ich mich jetzt in Rage schreibe, wechsle ich doch mal das Thema und komme zum Besitz von Waffen. Ebenso ein Aufreger, aber kein so alltäglicher, gottseidank.

Jeder Amerikaner hat ja per se das Recht, seinen Planwagen überall und immer zu verteidigen. Wenn man einen Kontinent besiedelt und dabei entscheidet, daß die Einheimischen nicht nur Platz machen müssen, sondern die Invasion möglichst nicht überleben sollen, drängt es sich ja direkt auf, daß man sich bewaffnet. Viele Amerikaner wohnen inzwischen aber nicht mehr im Planwagen, werden jedoch nach wie vor von ausgeprägten Ängsten verfolgt, überfallen zu werden. Im Verteidigungsfall greift man dann mal eben unters Kissen oder ins Handschuhfach nach der Walter PPK. Das führt so weit, daß man bei einer Polizeikontrolle Gefahr läuft abgeknallt zu werden, wenn man den Führerschein aus der Tasche ziehen will. Man behält deshalb die Hände am Lenkrad und sagt dem officer, man habe seine Papiere in der Handtasche und müsse jetzt deshalb da hineingreifen.

Waffen erhält man unter anderem bei Wal-Mart, direkt neben der Spielzeugabteilung, oder in Läden die so verharmlosende Namen wie „Guns for good guys“ haben. Man fragt sich, was es wohl bei „Guns for bad guys“ zu kaufen gibt. Mittelstreckenraketen?

Habt Ihr von dem vier Monate alten Säugling gehört, der von seinem Großvater einen Waffenschein und eine Rifle bekam? Voraussetzung für den Waffenschein ist, daß man nicht vorbestraft ist. Also dachte Opa eben, naja, wer weiß, wann der Kleine anfängt, Drogen zu verchecken, da warten wir mal lieber nicht die erste Vorstrafe ab.

Sigmund Freud rotiert in seinem Grab ob dieser schlecht verhohlenen Penisfixierung.

Daß die Kluft zwischen Arm und Reich so groß ist und scheinbar unüberwindlich, daß so mancher Angehörige des „abgehängten Prekariats“ keine andere Möglichkeit sieht, als sich Geld mit Gewalt zu beschaffen, das ist hiesigen Soziologen sicher nicht neu. Nur ist ein Land in dieser Größe offenbar nicht im Griff zu behalten. Bildung ist nach wie vor ein Privileg der Oberschicht. Und ohne Bildung keine Jobs. Ohne Job aber kein Geld, also Tankstellen überfallen… Und in einem Land, das dem Geld dient wie einem Götzen fragt man Soziologen nicht nach ihrer Meinung.

Ein weiteres Thema, das mich auf die gespaltene Persönlichkeit dieses Landes schließen läßt, ist der Alkohol, dessen Erwerb und Konsum. Gustl wurde mal erklärt, nach neun Uhr abends wäre es einfacher, eine Waffe zu kaufen als an Bier zu kommen. Hartford ist zwar kein „dry county“, man bekommt Alkohol aber in vielen Fällen nur gegen Vorlage des Führerscheins, der dann nach Möglichkeit beweisen sollte, daß man über 21 ist. Soweit so gut, ich bin auch kein Freund besoffener Teenager, schon gar nicht, wenn diese auch noch ab 16 Auto fahren dürfen. Aber was ich nicht kapiere ist die braune Tüte. Die braune Tüte hat man über jegliche Form des Alkohols zu stülpen, damit niemand sieht, daß man Alkohol trinkt und dadurch selbst zum Alkoholkonsum verführt wird. Nun frag ich mich, was ist wohl in der Tüte, aus der der Typ im Park trinkt? Kekse? Cola? Die Milch der frommen Denkungsart? Oder handelt es sich um ein als Papiertüte getarntes Mobiltelefon, in das er reinspricht? Halten die einen hier für doof, oder was?

Der Zulauf bei den Anonymen Alkoholikern ist übrigens enorm.

Aber es gibt ja nicht nur Sex and Drugs and Rock´n`Roll, auch in anderen Lebensbereichen stehe ich oft wie der Ochs vorm Tor. In Sachen Umweltschutz sind die Amerikaner noch im Mittelalter. Plastikflaschen, Plastikverpackungen, Plastiktüten en gros. Recycling ist noch in den Kinderschuhen. Möchte man die Wasserflaschen in den Flaschenautomaten stecken, stellt sich heraus, daß der Supermarkt die Marke zwar verkauft, die Flaschen aber nicht zurücknimmt. Der Bock, den Supermodel Trittin mit dem Dosenpfand geschossen hat, ist also noch zu toppen. Geht man mit Körben und Stofftaschen zum Einkaufen, packt der Einpacker die Sachen trotzdem in Plastiktüten und stellt sie dann so in den Korb. Daß aber auch in den USA langsam aber stetig die Benzinpreise steigen, wird im Radio als Verschwörung der OPEC diskutiert. Ich traue der OPEC ja auch so manches zu, aber das Prinzip von Angebot und Nachfrage dürfte doch besonders in Amerika ein Begriff sein…

Nein, natürlich bin ich nicht so naiv zu glauben, daß das alles aus reiner Ignoranz geschieht. Die Rüstungsindustrie ist einer der größten Wirtschaftsfaktoren auf diesem Kontinent. Und natürlich sollten die einheimischen Produkte auch zum Einsatz kommen. Und was liegt da näher als der eine oder andere Krieg, den man möglichst gegen ein ölförderndes Land führt, um sich dort die zur Neige gehenden Vorkommen zu sichern?

Was ich aber nicht verstehe ist, daß man hier über diese Themen nicht spricht. Der Krieg ist tabu. Pinks Song „Dear Mr. President“, der den Münchenern schon zum Hals raushängt, weil er in der Endlosschleife von Bayern 3 zweimal pro Stunde einprogrammiert ist, wird hier von allen Sendern boykottiert. Radiomoderatoren, die andeutungsweise kritische Worte äußern, werden von ihren Co-Moderatoren recht schnell wieder vom Thema abgedrängt, könnte ja die Quote drücken. Viel unverfänglicher ist es da doch, Witze darüber zu reißen, daß Franzosen kein Deo verwenden und deutsche Frauen ihre Achseln nicht rasieren. Da ist dann plötzlich Ende mit der political correctness.

Ist es also tatsächlich so, daß es hier nur um eines geht, nämlich den schnöden Mammon? Gibt es niemanden, der sich die Mühe macht, mal einige Dinge zu hinterfragen, auf manches zu verzichten und ein Gewissen zu entwickeln?

Ich halte Euch auf dem laufenden, noch suche ich!

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