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Needful Things II

Juli 30th, 2007 Posted in Needful Things

Hört Ihr das Wiehern? Das ist der Amtsschimmel. Also ich will ja München und das KVR nicht übermäßig loben, auch die haben mir das Leben schon schwer gemacht. Aber was hier in Sachen Bürokratie abgeht, das geht auf keine Kuhhaut (oder Schimmelhaut).

Um in Amerika als legal alien (jaja, ich bin ein legales Ungeheuer!) auch tatsächlich als Mensch mit Identität zu gelten, braucht man zwei Dinge: eine social security number und einen amerikanischen Führerschein. Erst dann kann man sich auf Jobs bewerben oder Alkohol kaufen, oder beides…

Die social security number bekommt man auf dem dazugehörigen social security office. Man kann sich das Formular aus dem Internet unter http://www.ssa.gov/ ausdrucken und es vorneweg schon mal ausfüllen, um Zeit zu sparen. Warum man dazu allerdings den Geburtsnamen meiner Mutter und den zweiten Vornamen meines Vaters braucht, ist mir nicht so ganz klar. Das Formular hat für alle Fälle eine vierseitige Gebrauchsanweisung, die das aber auch nicht erklärt. Für alle, die sowas gerne lesen, bitte schön!

ss-5.pdf

Auf der homepage kann man übrigens auch die populärsten Vornamen aus 2006 für Neugeborene nachlesen. Jacob und Emiliy haben die Spitzenplätze, wobei Emily schon seit 1999 ganz vorne mit dabei ist. Liegt wohl an den vielen WASPs, die hier leben (White Anglo-Saxon Protestants: weiße Hautfarbe, angelsächsische Herkunft, protestantische Konfession), eine der großen Bevölkerungsgruppen der USA, eigentlich die Gründerväter. Heute wird der Ausdruck eher abschätzig verwendet. Siehe auch www.wikipedia.de. Daß meine erste Tochter immer Emily heißen sollte, gibt mir jetzt schon etwas zu denken, aber das ist eine andere Geschichte.

Nun, zurück zum Amtsschimmel.

Ich komme in New Britain in der Arch Street 100 an und finde auch gleich vor der Tür einen freien Parkplatz für Perle. Das kann eigentlich nur ein gutes Zeichen sein, oder? Ich schmeiß also ein paar quarter in die Parkuhr, zwei Stunden sollten genügen… Dann betrete ich das Amt durch eine Tür, die ein schreckliches metallisches Quietschen von sich gibt (pump up the volume!). Man steht dann mitten im Amt vor einer kleinen Maschine, die eine Wartenummer ausspuckt, wenn man auf den roten Knopf drückt. Ich ziehe die Nummer 12. An der Wand hängt das star spangled banner und drunter steht: „Public Service Employees proudly serving America“. Na, das klingt doch vielversprechend!

Aber der Warteraum ist brechend voll und riecht auch sehr nach Menschen. Wenn um viertel nach Aufsperren schon 11 Leute vor mir sind, dann hätte ich wohl lieber was zu lesen mitgebracht. Ich stelle mich innerlich auf einen langen Vormittag auf einem der ungemütlichen Stühle ein und drifte gedanklich ins Nirwana ab. Und plötzlich ruft die Dame am Schalter schon „number nine!“. Da registriere ich, daß in Amerika wohl niemand alleine aufs Amt geht. Die Leute gehen hier immer paarweise an den Schalter. Oje, brauch´ ich hier etwa jemanden als Zeugen? Oder als moralische Stütze?

Neben mir sitzen ein Vater mit seinem Sohn. Das eine Bein des Sohnes ist eingegipst, deshalb mußte wohl Papa als Chauffeur herhalten. Papa schielt abwechselnd auf mein Dekollete und meine Wartenummer. Er entscheidet sich für meine Wartenummer und fragt, ob er nicht meine Nummer 12 für seine Nummer 27 (es ist inzwischen wirklich sehr voll hier und riecht nicht mehr nur nach Menschen obenrum…) tauschen könnte, sein Sohn hätte schließlich einen Gips. Ich radebreche „sooory, I don´t underschtend Inglish“ und bin erst mal aus dem Schneider. Ja klar, so weit kommt es noch! Söhnchen saß gemütlich mit Bein hoch und zutzelte an einem Liter Pepsi im klimatisierten Warteraum. So gut ging es dem seit Wochen nicht mehr! Nein, ich hatte gerade überhaupt keine Lust, nett zu sein!

„Number twelve!“ Ich gehe an den Schalter, offenbar werden doch auch „singles“ bedient. Ich sage der Dame was ich will, sie sieht im PC nach, sagt, ich sei schon registriert durch die immigration. Ich solle mich wieder hinsetzen, ein Kollege werde mich demnächst mit meinem Namen aufrufen. Hä? Wieso? Wenn ich schon registriert bin? Warum nicht gleich? Ich gebe meinem Drang zu fragen und verstehen zu wollen nicht nach und setze mich wieder neben Papa, der natürlich prompt sagt „your English is not that bad!“ Scheiße, gute Akustik hier. Ich werde nur nicht rot, weil ich nie rot werde, schäme mich aber trotzdem ein bißchen… Papa meint, er bräuchte eigentlich nur ein Formular, er sei jetzt echt sauer, daß er so lange warten muß. Ich frage ihn, welches Formular er denn braucht, ich könne es ihm ja mitbringen, wenn ich wieder vor ihm drankäme. Naja, irgendwie hatte ich das Gefühl, was gut machen zu müssen. Da er sich und seinen Sohn arbeitslos melden wollte, hat mein weiches Herz gesiegt.

„Shoooster“, das bin ich! Eine andere blonde Dame mit beeindruckenden Ringen unter den Augen bittet mich in ein Büro und bietet mir einen Platz an. Aha, jetzt werde ich noch mal interviewt! Das konnte die andere Dame wohl nicht. Miss Augenringe fängt schweigend an, mein Formular in den PC zu übertragen (auch so eine typische Sache in den USA, man füllt ein Formular aus, das dann erst mal hoffentlich 1:1 in den PC gehackt wird. Online Ausfüllen wäre schneller, aber wohl zu einfach). Sie hält ein paar mal inne, um zu fragen, ob es sein kann, daß meine Mutter den gleichen Vornamen hat wie ich, oder ob ich da einen Fehler gemacht habe. Ich bestätige ihr, daß es zwei Inkens in meiner Familie gibt, wir seien eine sehr arme Familie. Sie findet das nicht lustig, Humor hat man in den USA nicht… Dann wundert sie sich darüber, daß ich auf dem Formular behaupte, am 1. Juni geboren zu sein, wo doch im Paß der 6. Januar steht. Ich erkläre, daß wir in Europa das Datum andersrum schreiben, sie schüttelt lächelnd den Kopf ob dieser unsäglich schrägen Europäer. Dann will sie noch wissen, warum ich denn in Germany geboren, aber trotzdem Österreicherin sei. Ich tu´ ihr den Gefallen und sage, daß Europa leider noch nicht so weit sei, daß alle die gleiche Nationalität haben, da würden die einzelnen Staaten einfach zu sehr an ihren Traditionen hängen. Es hat funktioniert, sie lächelt mich richtig lieb an und sagt mir, wie froh ich sein könne, jetzt in einem so unkomplizierten Land wie den USA zu leben. Ich lächle zurück und bestätige, daß ich darüber auch wirklich sehr sehr froh sei. Wie froh genau, weiß ich noch nicht. Miss Augenringe druckt das Formular noch einmal aus, läßt es mich noch mal lesen und unterschreiben, dann sagt sie, in sieben bis zehn Tagen würde ich die social security card bekommen. Ich sage ihr, daß das beeindruckend schnell sei, was sie offenbar gerne hört. Dann frage ich noch nach den Formularen für Papa und Söhnchen, erkläre warum und beeindrucke sie offenbar mit meinem sozialen Engagement so sehr, daß sie eine Ausnahme macht (eine Ausnahme?).

Wieder draußen aus dem Büro-Verschlag drücke ich Papi die Formulare in die Hand, der sich beschwert, daß ich keinen Kugelschreiber mitgebracht habe (Sack!) und verschwinde *quietsch* durch die Tür in die Freiheit.

Der Polizist, der an meiner Parkuhr steht meinte „you thought it would take longer, didn´t you?“ Ich grinse ihn an und nicke. Er nickt auch wissend und geht weiter. Irgendjemand hat heute Vormittag noch eine Stunde auf meine Kosten geparkt, sei ihm gegönnt.

Wenn ich die social security card habe, kann ich auf´s DMV (Department of Motor Vehicles) gehen, um den Führerschein zu beantragen. Da ist man angeblich von ausgesuchter Unhöflichkeit. Ich freue mich schon darauf, da gibt es dann wieder viel zu berichten. Also, bleibt dran!

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