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Fahr´n fahr´n fahr´n, auf der Autobahn…

Juli 26th, 2007 Posted in Die spinnen, die Amis!

Gleich vorweg: wer in den nächsten Tagen mal mit mehr als hundertzwanzig Sachen über eine der gut ausgebauten Autobahnen rund um München, Linz, Wien, oder Braunau unterwegs ist, bitte denk´ an mich und freu´ Dich! Hier darf man nämlich nicht schneller als 65mph… Laaaaangweiliiiiiiiig!!!

Ja, Autofahren ist mein Thema heute, richtig geraten.

Daß Autos hier groß sein müssen, hatten wir ja schon. Aber wozu man hier mehr als 75PS braucht, ist mir nach wie vor ein Rätsel. Autofahren gehört hier, zumindest auf den Highways, zu den langweiligsten Dingen, die man sich vorstellen kann. Man zuckelt mit höchstens 100km/h auf der Mittelspur vor sich hin, wird bei Gelegenheit von LKW überholt, die es dann doch eiliger zu haben scheinen als man selbst. Und vor allem hören die Jungs den Polizeifunk ab, die wissen wo die Bullen stehen. Wenn man dann mal links, rechts, hinten und vorne so einen Truck hat, sollte man lieber kein ängstlicher Typ sein, sondern lieber schauen, daß man ungeschoren aus der Sache rauskommt. Auch wenn man nur einen von der Sorte hinter sich hat, der im Rückspiegel immer größer wird, macht man besser Platz, denn es erscheint mir so, als würden die nur ungern wegen mir bremsen. Also gebe ich nach. Ach ja, das bringt mich zum „Vorfahrt gewähren“-Schild, da steht hier manchmal noch zusätzlich „yield“ drauf, was unter anderem „nachgeben“ heißt. Das finde ich nett, denn ich geb´ doch viel lieber nach als daß ich jemandem was gewähre. Da kann ich mich großzügig fühlen und das trägt zum „feel-good“-Faktor, der hier eine große Rolle spielt, enorm bei.

Bleiben wir mal auf dem Highway. Also Highway ist hier eigentlich alles, was zwei Spuren und mehr hat und über eine Nummer verfügt, wie zum Beispiel I84. Das mit den Nummern macht mir das Leben nicht eben leicht, ich weiß bis heute nicht, ob die A99 nun die nach Stuttgart ist, oder die nach Hinterposemuckel. Und hier stehen nur Nummern, ab und zu mal eine Ortsangabe, aber sehr selten. Wenn man in Deutschland am Handy gefragt wird, wo man gerade ist, konnte man zumindest sagen „so ungefähr zehn Kilometer hinter Adelshausen“. Hier weiß man im Grunde nie so genau, wo man ist. Zumal auch noch alles gleich aussieht, zwar hübsch grün und ländlich größtenteils, aber eben überall. Ich muß mir also nun Buchstaben-Zahlen-Kombinationen merken. Eine große Herausforderung!

Die ungeschriebene Regel lautet: in der Mitte fahren die, die noch eine Weile geradeaus unterwegs sind. Links fahren die vorbei, die entweder angeben wollen (kennt man ja auch in Deutschland. Ich hab auch immer gerne angegeben, hier trau´ ich mich nicht, brauche mein Geld für´s Shoppen!), oder es eben einfach eiliger haben, oder auf die Geschwindigkeitsbeschränkungen generell pfeifen, und das sind die meisten. Rechts fahren die, die aus irgendwelchen Gründen langsam sind (heavy load, Fahrer über 80 und blind, usw.). Die rechte Spur ist für Noch-eine-Weile-geradeaus-Fahrer vor allem deshalb nicht zu empfehlen, weil es unsäglich viele Auffahrten gibt, jede größere Straße hat ihre eigene Auffahrt. Die Auffahrt auf den Highway funktioniert im Prinzip wie in Deutschland, der der schon oben ist hat Vorfahrt. Außer der Auffahrende hat den stärkeren Motor (ah, da kommen endlich die PS ins Spiel, Schreiben bringt Erkenntnis!). Und bevor ich mich da zum rechthaberischen Ekel entwickle, werde ich eben das, was ich zu Hause so gehaßt habe: ein Mittelspurschleicher! Da das Überholen aber hier auf beiden Seiten erlaubt ist, stört man tatsächlich niemanden damit. Auf längeren Strecken, zum Beispiel auf der 9 in Richtung Meer (ätsch!), drückt man auf die cruise control und kann sich beim Autofahren auf das Lenken konzentrieren. Ist auch gut so, denn bei Automatik langweilt sich das linke Bein und hat mit Tempomat endlich seinen besten Freund, das rechte Bein, wieder zum Spielen. Was die beiden dann da unten genau treiben, will keiner wissen. Aber praktisch ist es schon, falls es mal an der Fußsohle juckt, kann man kratzen ohne eine Massenkarambolage zu verursachen.

Man orientiert sich hier nach den Himmelsrichtungen. Ist ja im Prinzip auch nicht falsch. Es stellt sich nur die Frage, wenn man nicht die Karte von ganz Connecticut auswendig kennt, woher soll man dann wissen, ob man nun nach Süden oder Norden muß? Wo ich gerade bin krieg´ ich bei Sonnenschein ja gerade noch ausgerechnet (im Osten geht die Sonne auf, im Süden ist ihr Mittagslauf, rhabarberrhabarber). Aber wenn ich in West Hartford bin, woher soll ich dann ohne Kenntnis einer Karte wissen, ob ich nun nach Newington über die 91 south oder die 91 north komme, und wenn es dann überhaupt nicht die 91 ist? Mein bester Freund hier heißt deshalb TomTom und spricht mit weiblicher Stimme (sie heißt Lisa) mal lauter, mal leiser, mal freundlich, mal fordernder zu mir. Verwirrende Ansagen wie „nehmen Sie die Ausfahrt links und nehmen Sie die Ausfahrt rechts“ sind auch keine Anzeichen eines beginnenden Schizophrenie-Virus meiner kleinen Navigatorin, sondern erschließen sich als durchaus logisch, wenn man die Strecke mal selbst kennt, weil man sie inzwischen hundert mal gefahren ist. Ob man dann noch TomTom braucht? Naja, sicher ist sicher und Lisa hat eine hübsche Stimme.

Der Fahrstil der Amerikaner ist vor allem relaxt. Wenn ich nicht manchmal hupen würde, würde hier in West Hartford gar niemand hupen. Aber ich kann nicht anders. Ich krieg´ das mit der Geduld einfach nicht hin, wenn die Ampel auf grün springt und sich niemand bewegt. Ich mein, die müssen doch nur von der Bremse runter und auf´s Gas. Die PS dafür haben sie. Man muß doch noch nicht mal den ersten Gang suchen, verflixt noch mal! Aber nein, alles easy, dann kommen beim links Abbiegen halt nur drei Autos über die Kreuzung, wo in München sich während einer Grünphase schon ganze Staus auflösen, bilden sich hier während einer Grünphase völlig neue Staus. Und die Länge der Grünphasen ist gigantisch, allerdings auch die der Rotphasen…

Abbiegen ist überhaupt so ein Thema. Links abbiegen tut man hier anders als zu Hause. Also natürlich lenkt man nach links (Wolfram, DEN Kalauer gönne ich Dir einfach nicht!). Aber erstens tut man das wie beschrieben seeeehr laaaangsaaaaam und außerdem, auch wenn sich das auf den ersten Blick widerspricht, gerne noch knapp vor dem Geradeausverkehr. Die Linksabbieger haben hier oft etwas früher einen grünen Pfeil als die geradeaus Wartenden, das ist sehr praktisch, wenn man hinter den Linksabbiegern steht oder selbst einer ist, kann aber gefährlich werden, wenn man ihnen entgegenkommt. Da wird Aufpassen plötzlich recht wichtig. Rechtsabbiegen dagegen ist ein Traum! Man darf es immer, außer es ist per Schild verboten: „No turn on red!“ Kein Nachdenken, ob man grün hat, oder ob da ein Rechtsabbiegepfeil ist. Wenn es nicht per Schild verboten ist, darf man rechts abbiegen. Die Spur sollte halt frei sein, sonst scheppert´s auch hier, vielleicht relaxter, aber trotzdem bumm. Allerdings kann mir keiner weis machen, daß man zum Rechtsabbiegen unbedingt nach links ausholen muß. Sie tun es trotzdem.

Fahren in der Stadt ist ein rechtes Geduldsspiel. Aus Sicherheitsgründen kommen einem Fahrradfahrer auf der eigenen Spur entgegen, also nicht auf ihrer eigenen, sondern AUF MEINER EIGENEN!!! Die meisten wackeln dabei, weil sie ja relaxt sind und nur gaaaanz laaaangsaaaam fahren. Nicht schön.

Fußgänger überqueren Straßen wie? Richtig! Gaaanz laaaangsaaaam! Mir ist auch schon passiert, daß eine Horde Mädels vor meinem Auto stehen geblieben ist und mitten auf der Straße ein ganz bestimmt super wichtiges Thema ausdiskutiert hat. Mein Hupen hat mir entsetzte Blicke eingebracht. Die waren wirklich entsetzt, nicht irgendwie Stinkefinger zeigend empört, sondern einfach überfordert von so viel Rücksichtslosigkeit. Ich habe daraus gelernt, mich an „yield“ erinnert und mich bei dem Gedanken, doch die Gescheitere zu sein unheimlich wohl gefühlt. Seien wir mal ehrlich, einfach drüber zu fahren bringt ja auch nur Ärger. Man hat es als Fußgänger auch nicht leicht in den USA. Erstens ist man hoffnungslos in der Unterzahl, zweitens korrespondieren die Fußgängerampeln nicht mit Verkehrsampeln (was mich fertig macht, denn in München konnte man sich darauf verlassen, daß kurz nach der Fußgängerampel auch die Verkehrsampel rot wird. Das machte die Entscheidung, ob man bremst oder Gas gibt, um noch bei Gelb drüber zu kommen, sehr viel leichter!) und drittens sind die Fußgängerampeln derartig lange rot, daß selbst der größte Starbucks-Cappucino kalt wird bis man drüber darf, um endlich wieder in die heimelige Sicherheit seines Wagens zu fliehen. Und um die nicht zu häufig verlassen zu müssen, gibt es Drive In-Geldautomaten, Drive In-Starbucks, Drive In-Telefone und Drive In-Apotheken.

Außer an die Geschwindigkeitsbeschränkungen hält man sich hier recht brav an die Regeln. Ein Schulbus mit nach links ausgeklapptem Stopschild bringt allen Verkehr zum Erliegen. Egal, in welche Richtung man fährt, man hat stehen zu bleiben. Böse Zungen behaupten, das funktioniert nur, weil man die Anzeige von empörten Eltern fürchtet… Ist aber eigentlich wurscht, hauptsache es funktioniert.

Es gibt hier auch Kreuzungen, an denen an allen vier Einmündungen ein Stopschild steht. Scheint das Pendant zum in Großbritannien so beliebten roundabout zu sein. Die Regel sagt, wer zuerst an der Kreuzung war, darf auch zuerst wieder losfahren. Auch das funktioniert gut. Wenn man mal gleichzeitig mit jemandem an so einer Kreuzung ankommt, wird einem oft mit Handzeichen bedeutet, man solle fahren. Ich finde das sehr rücksichtsvoll und freundlich. Man ist hier überhaupt sehr rücksichtsvoll und freundlich. Das ist wiederum angenehm, wenn man mal selbst mal (!) überhaupt keine Lust hat, schon wieder rücksichtsvoll und freundlich zu sein.

Diese Eigenschaften hebe ich mir lieber für die Spurwechsel im Berufsverkehr rund um Hartford auf, denn da kann ich sie wirklich brauchen! Wow, da geht die Post ab! Die „lassen“ einen hier nicht, wie man es sonst kennt, sondern die Rücksichtnahme und Freundlichkeit beschränkt sich darauf, daß man mir nicht den Kofferraum eindellt, wenn ich todesmutig die Spur wechsle, obwohl da eigentlich gar kein Platz für mich ist. Aber das machen hier alle so. Nach einer Weile bleiben die Angstschweißperlen aus. Auch daran, daß man den Spinat vom Mittagssandwich des Fahrers hinter einem deutlich in seinen Zahnzwischenräumen sehen kann, gewöhne ich mich langsam. Die fahren hier unheimlich dicht auf, was ich ja nicht besonders mag, aber so isses nun mal.

Autofahren ist selbstverständlich ein enorm wichtiges Thema in den USA. Öffentlichen Nahverkehr gibt es so gut wie gar nicht. Und die Entfernungen sind zum Teil sehr groß. Man würde deshalb erwarten, daß man sich um alles, was mit dem Auto zu tun hat auch liebevoll kümmert. Weit gefehlt!!! Die Autos sind teilweise in bemitleidenswertem Zustand. Ein Pendent zum TÜV gibt es nicht. Und deshalb fährt hier alles, was das noch einigermaßen hinkriegt. Bis dann der erste Reifen platzt. Ich habe in meiner gesamten Autofahrerkarriere noch nicht so viele Reifendecken am Straßenrand oder mitten auf der Fahrbahn gesehen wie hier in einem Monat! Auch ganze Autotüren ohne dazugehöriges Auto wurden schon auf der Fahrbahn gesichtet. Wenn die Karre dann mal gar nicht mehr geht, stellt man sie auf den Pannenstreifen, markiert sie mit einem orangenen Fähnchen oder Aufkleber und macht sich davon. Entweder werden die dann von jemandem abgeholt, oder sie rosten einfach weg, das weiß ich noch nicht so genau.

Ähnliches gilt für die Straßen. Auf dem Highway kann man ohne weiteres in ein zehn Zentimeter tiefes Schlagloch rumsen. Meistens steht auf Höhe des Schlaglochs ein Schild, das vor diesem „dump“ warnt. Jo, hab ich gemerkt, danke für die Info. Die Straßen sind in so erbärmlichem Zustand, daß man gerne mal mit einem Töpfchen dampfenden Teers in der Hand einen Spaziergang machen möchte. Das gilt auch für die im Grunde recht reiche Stadt Hartford. Es gibt zwar immer mal wieder Schilder, die auf Straßenarbeiten hinweisen, da stehen dann auch Arbeiter und regeln den Verkehr. Aber direkt arbeiten hab´ ich da noch keinen gesehen. Dafür fallen die Geldbußen doppelt so hoch aus, wenn man in einer Baustelle zu schnell fährt. Naja, das tut man ja auch nicht!

Alles in allem ist Autofahren in Amerika auch keine größere Herausforderung als in Deutschland, wenn man sich einfach angewöhnt, die Dinge so zu machen, wie es die Amis tun. Wie ich mich allerdings nach unserer Rückkehr wieder daran gewöhnen soll, rechts zu fahren, nicht rechts zu überholen und beim Abbiegen an den Fahrradweg zu denken, das weiß ich noch nicht. Mit dem schnell Fahren werde ich wohl keine Schwierigkeiten haben, wie ich mich kenne.

Meine Hausaufgaben für die nächsten Wochen sind also:

Highwaynummern merken

Karte von Connecticut studieren

Meditieren für die Geduld

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