Inkens Welt

ehem. USA-Tagebuch

Konsum

Juli 19th, 2007 Posted in Die spinnen, die Amis!

Wir sind im Land des Konsumwahns angekommen, was ja nun keine überraschende Erkenntnis ist. „Take two pay one“ ist der Standard, man steht dann mit mehreren Gallonen Milch an der Kasse und zwei Honigmelonen, von denen man schon weiß, daß man eine davon wegschmeißen wird. Man kauft mehr und gibt mehr aus. In diese Falle gerät man natürlich nicht nur beim Milchkauf. Viele Amerikaner sind hoffnungslos überschuldet, kaufen alles auf Pump und die Schuldenspirale dreht sich unaufhörlich weiter. Kein Wunder, daß ständig Reklame für Unternehmen läuft, die versprechen, den Menschen aus diesem Teufelskreis rauszuhelfen. Ob es funktioniert, ist eher fraglich.

Generell ist auffällig, wofür hier wie geworben wird.

An erster Stelle kommen die Autos. 0%-Finanzierung ist hier der Standard. Und so glaubt natürlich jeder, sich den dicken Range Rover oder den 5er BMW leisten zu können. Und groß muß die Kiste ja auf jeden Fall sein, auch wenn man kinderloser Single ist, muߠmindestens ein Station Wagon her.

Gleich danach kommen Essen und Trinken, aber da wird nicht eine bestimmte Marke Pudding oder Reis beworben, es geht eher um die unglaubliche und total neue Gemütlichkeit, die man im selbstverständlich unvergleichlich familienfreundlichen Restaurant XY genießen kann, in dem die besten Köche der Welt die einzig originale Steinofenpizza backen, die man sein Leben lang nicht vergessen wird. Hand in Hand damit geht Werbung für Medikamente gegen Sodbrennen. Sodbrennen scheint hier eine Volkskrankheit zu sein.

Waschmittelwerbung und ähnliche deutsche Klassiker sieht man kaum. Worauf aber Verlaß ist, ist Werbung für Putzmittel, die garantiert sogar Keime keimfrei bekommen. Die Angst vor airborne infection oder vor Keimen aller Art hat was von paranoider Schizophrenie. In den Toiletten von Restaurants (und dem was sich dafür hält…) hängen immer Schilder mit der Aufschrift „Angestellte MÜSSEN sich die Hände waschen“, ein Schild zeigt sogar eine detaillierte Beschreibung, wie das vonstatten zu gehen hat. Ich versuche noch, ein Photo aufzutreiben… Nebenbei bemerkt wäre es bei manchen Toiletten nicht schlecht, wenn die Angestellten vor dem Händewaschen mal die Klos putzen würden (hierzu werde ich mir die Photos sparen). Auch Produkte, die einen vom Schwitzen abhalten sollen sind sehr beliebt. Man schwitzt hier nicht, wer schwitzt ist arm und kann sich offenbar keine aircondition leisten. Fußpilzcreme, elektrische Enhaarungsgeräte, Raumduftsprays und Geruchskiller, Intimpflegemittel für Frauen, alles Dinge, auf die man auf keinen Fall verzichten kann, offenbar auch dann nicht, wenn man sich regelmäßig wäscht und sein Haus putzt und lüftet.

Medikamente sind Bestandteil der täglichen Ernährung. Ein paar Aspirin zum Frühstück können sowieso nie schaden. Unfallchirurgen mögen das anders sehen, aber Aspirin muß einfach sein, denn die Angst vor Herzinfarkt oder Schlaganfall ist allumfassend. Die typisch männlichen Dysfunktionen sind auch Inhalt so manchen Spots. Es wird mit einer Kugel grauer Knetmasse gezeigt, wie groß so eine Prostata werden kann und wie sie wieder schrumpft, wenn man eine bestimmte Pille schluckt. Ich rate Euch Jungs, eßt Kürbiskernöl! Diese anschauliche Präsentation durch einen ehemaligen Präsidentschaftskandidaten ist nicht nur unappetitlich, sie macht die Schmerzen so drastisch deutlich, daß sogar ich anfange, auf dem Stuhl hin- und herzurutschen, wenn ich das sehe, und ich glaube, ich habe dieses Organ gar nicht… Paßt gut auf Euch auf und geht regelmäßig zum Arzt, auf Knete rumdrücken hilft nämlich gar nicht! Viagra und Cialis werden beworben, indem Paare gezeigt werden, die sich glücklich und ein ganz klein wenig lasziv anlächeln, nicht zu sehr natürlich, nur so, daß man merkt, was sie jetzt gleich tun werden, in ungefähr einer halben Stunde, wenn man der Stimme aus dem Off glauben darf. Impfungen gegen alle möglichen Arten von Krebs sind auch ziemlich angesagt, man soll seine Töchter auf jeden Fall frühzeitig gegen Gebärmutterkrebs impfen lassen, heißt es. Ich wußte nicht, daß das geht, aber ich lerne ja noch. Fußpilz und Sodbrennen hatten wir ja schon weiter oben. Herpes ist auch so ein Ding, wogegen man offenbar nur mit der pharmazeutischen Keule ankommt. Und Diätpillen ersetzen ganze Mahlzeiten und machen auch gar nicht abhängig. Man soll aber lieber doch nach vier Wochen mal mit seinem Arzt über Tablettenmißbrauch sprechen, wär schon besser! Ob hier alle so froh und glücklich sind, weil sie mit Hilfe all der segensreichen Produkte immer gesund sind, oder ob das Zusammenspiel aller Nebenwirkungen plus den Dämpfen aus den Lufterfrischern ein Dauergrinsen in die zahnregulierten und nasenoperierten Gesichter zaubert, hab ich noch nicht rausgefunden. Ich tendiere in diesen Dingen nicht zu Selbstversuchen…

Hier werden nicht so sehr Marken beworben wie in Deutschland, kein Persilmann, keine Clementine, kein Melittamann. Hier gibt es Spots für Restaurantketten wie „Ruby Tuesday“, „Dunkin Donuts“, oder die bekannten Fast Food Läden. Baumärkte machen auch viel Werbung. Do it yourself ist sehr im Kommen. Bei „Lowe´s“ steht an den Kassen ein riesiges Regal mit Selbermach-Ratgebern für alles und jedes. Wenn man da mal stöbert, könnte man meinen, daß jede amerikanische Wand in einem anderen Pastellton gestrichen ist, jede Veranda selbst gezimmert wurde und zwar in der kürzest vorstellbaren Zeit für absolut kein Geld und mit dem kleinsten Aufwand, den man sich nur vorstellen kann. Das Werkzeug, das man dafür braucht bekommt man selbstverständlich hier bei „Lowe´s“…

Vergnügungsparks sind auch ständiges Thema in den Werbepausen (das Programm unterbricht hier eigentlich die Dauerwerbung, um das mal gleich klarzustellen!). „One-day-getaway“ ist ein Schlagwort, das ich gerade kennengelernt habe. Da man hier nicht viele Urlaubstage hat, müssen diese mit der Familie intensiv genutzt werden. Da gibt es Supersonderangebote für Familien. Man sieht glückliche Eltern mit selbstverständlich fröhlichen Kindern Schokoladeneis mit Schokoladenstückchen und Schokoladensauce oder auch Zuckerwatte in Pastelltönen („Lowe´s“???) essen. Danach sitzen alle hysterisch kreischend in den Coastern und niemand kotzt. Man kotzt hier nicht. Man nimmt einfach eine Pille, dann kann man den Vierfachlooping überstehen, ohne sich all den billigen Süßkram noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen.

Kinder sind eine stark umworbene Zielgruppe. Man weiß um die Kaufkraft und die mühsam anerzogene Tyrannei des kleinen Volkes. Also werden Kinder in fast allen Spots zu Hauptdarstellern (nicht so sehr bei Prostata-Medikamenten…). Ich kann mir vorstellen, daß man recht schnell den Ruf einer schlechten Mutter weg hat, wenn man nicht die richtigen Junior-Tüten-Figuren aufzutreiben weiß.

Eigenartig ist die Farbgestaltung der Werbespots. Natürlich ist alles etwas greller als wir es gewöhnt sind. Aber besonders unangenehm weil unnatürlich sind die Filter, die offenbar für Hauttöne eingesetzt werden. Es scheint, als gäbe es keine wirklich dunkelhäutigen Afroamerikaner, sie sind immer appetitlich schokoladenbraun. Die Weißen sind dafür eher dunkel, denn braungebrannt ist Standard (auch wenn Hautkrebs immer wieder ein Thema der Reklame ist). Wenn nicht braungebrannte Weiße gezeigt werden, sind sie rosa. Rosa scheint hier das Synonym für Reinheit und Unschuld zu sein. Kinder sind deshalb rosa-blonde Schokolade fressende Grinser, die sich vorzugsweise in Roller Coastern vergnügen, nicht ohne vorher gegen Gebärmutterkrebs geimpft worden zu sein, oder ein Anti-Vomit-Mittel eingeflößt bekommen zu haben.

So, genug Klischees gedroschen für heute. Ich gehe jetzt in mein keimfreies Bett und nehm noch ein Aspirin, damit mir heute Nacht nicht etwa der böse Prostata-Teufel in die Schweißdrüsen meiner Füße schlüpft. Am Ende bekommt man davon einen Schlaganfall!

Schlaft gut und sweet dreams!

 

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